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Dr. Torsten Wingenter

dr thorsten wingenter

QX: Du bist gerade aus Chicago von einem Kongress zurückgekommen. Welche Funktion hattest Du dort?

Torsten:
Ich war als „Speaker“ auf der Eye-for-Travel Konferenz, wo ich die weltweiten Social Media Marketing Aktivitäten von Lufthansa vorgestellt habe, für die ich mit meinem Team verantwortlich bin. In den USA hat uns vor allem MySkyStatus.com sowie ein offener Brief an den Apple-Entwickler sehr bekannt gemacht, der das neueste iPhone 4 noch vor Veröffentlichung in einer deutschen Bierbar in Kalifornien verloren hatte. Als „Trost“ boten meine Kollegen vor Ort ihm über Twitter einen kostenlosen Business-Class-Flug nach München an, wo er dann intensiv die deutsche Bierkultur hätte kennenlernen können, was dann ziemlich durch die US-Medien ging.
Nach knapp einem Jahr sind wir nun recht gut unterwegs mit unseren Social Media Aktivitäten, wie beispielsweise www.facebook.com/Lufthansa mit mehr als 130.000 Fans zeigt, worüber aber immer noch viele überrascht sind. Nicht nur bei den DAX30-Unternehmen sind wir somit im Spitzenfeld, sondern auch weltweit unter den Airlines.

QX: Nach dem Studium warst Du fünf Jahre Assistent von Dr. h. c. August Oetker. Wie hat Dich die Zusammenarbeit mit einem solchen Unternehmer beeinflusst?

Torsten:
Am stärksten hat mich das Verständnis von Verantwortung beeinflusst, welches beim Eigentümerunternehmer sicherlich in ganz besonderer Weise ausgeprägt ist. Vor allem, wenn es um ein Familienunternehmen geht, das für die nächste Generation bewahrt werden will – was leider nur wenigen gelingt. Dabei war faszinierend zu erleben, wenn jemand eine Marke sprichwörtlich verkörpert und sie dementsprechend auch vorlebt. Zu guter Letzt ist dann sicherlich noch der Umgang mit Geld zu nennen, was jemand ganz anders ausgibt, wenn es sein eigenes ist. Er geht dann nur das Risiko ein, welches vielleicht mit höherer Wahrscheinlichkeit eintritt, aber das Unternehmen letztlich nicht existenziell gefährden kann.

QX: Neben der Assistenz hast Du dann auch über „Unternehmenstheorie und den Verantwortungsbegriff in der Betriebswirtschaftslehre“ promoviert, was sicherlich eng damit zusammenhing?

Torsten:
Unweigerlich, denn ich hatte so viele Eindrücke aus meiner täglichen Arbeit und Diskussion mit August Oetker, die mich einfach sehr geprägt haben. Dabei ist mir besonders aufgefallen, dass die betriebswirtschaftliche Theorie in ihrer Entwicklungsgeschichte den Unternehmer- und Managerbegriff zunehmend gleichgesetzt hat – und man heute per „Ethikkurs für angehende Manager“ an Hochschulen zu heilen versucht, was systeminhärent falsch angelegt ist. Anstatt Unternehmer mit Persönlichkeit zu bilden, die sich auch als Angestellte verwirklichen können, werden junge Studenten zu verschulten „Universal-Managern auf Zeit“, die dann aber weder über das Kapital gebunden sind, über das sie verfügen, noch die systemimmanente Fremdbestimmung und Exkulpation aus der Verantwortung in Großorganisationen begreifen und sich dem entgegen stellen können.

QX: Was verbirgt sich hinter www.life-is-a-beta.com?

Torsten: Es handelt sich dabei um meinen bescheidenen Blog, dem ich gerne mehr Aufmerksamkeit widmen würde. Im Moment komme ich lediglich dazu, meine Konferenzaktivitäten, Eindrücke und Learnings etwas nachzuhalten – sozusagen als öffentliches Gedächtnis und zur Diskussion mit anderen, da viele gute Ideen einfach erst in der Auseinandersetzung entstehen und nicht vom heiteren Himmel fallen.

QX: Bei der Deutsche Lufthansa bist Du nun seit 2007. Angefangen hast Du bei Lufthansa Miles & More im Bereich Strategie & Business Development. Nach und nach hast Du Dir Deine eigene Nische gesucht. Womit genau beschäftigst Du Dich heute?

Torsten:
Mehr als drei Jahre bin ich nun bei Lufthansa und für mich sind das unternehmerische Moment und der Freiraum wichtig. Das versuche ich in meinem Job zu verwirklichen, ob angestellt oder nicht. Daher suche ich mir immer selbst meine Projekte und Nischen, wo ich mich “austoben” kann. Vor dem Aufbau des Social Media Marketings habe ich beispielsweise das Projekt Miles & More 2.0 angestoßen, wo wir u. a. mit Hilfe einer weltweiten Marktforschung angeschaut haben, wie die Zukunft der Kundenbindung in 10-15 Jahren aussehen könnte. In dieser Zeit besuchte ich auch das erste Headquarter von Facebook oder saß mit Studenten in Stanford zusammen, wo für mich sehr deutlich wurde, dass da draußen ganz viel passiert und wir uns sehr genau überlegen müssen, was das langfristig für uns als Unternehmung bedeutet. Daraus ist dann die Social Media Marketing Strategie für Lufthansa entstanden, die ich nun systematisch auf Basis unserer weltweiten Erfahrungen weiterentwickle. Alles Wissen ist heute – vor allem wenn es um Social Media geht - im Internet im Prinzip vorhanden: Die Besten unterscheidet von den Guten “lediglich”, dass sie in der Lage sind dieses Wissen in der Unternehmung – trotz aller Unwägbarkeiten oder auch oftmals Skepsis - zu implementieren. Und das vor dem Wettbewerb. “Die” Lösung gibt es heute nicht mehr, sondern vielmehr muss jeder selbst seinen Weg finden – und das zumeist durch viel “trial & error”, weshalb mein Blog auch www.life-is-a-beta.com heißt. Es gibt keine wirklich allgemeingültigen Aussagen und Empfehlungen für das Leben, dies wurde aber noch nie so deutlich wie heute. Also muss sich jeder in gewisser Weise selbst an seiner persönlichen “Beta-Version” seines Lebens versuchen, ob er will oder nicht…

QX: Für die Plattform www.MySkyStatus.com hast Du kürzlich den Award für "Best Airline Social Media Campaign" entgegen genommen. Wie kam es dazu?

Torsten: Die Vereinigten Staaten dienen für uns oft als Pilotmarkt für Ideen, die wir testen wollen und wo „Good Old Europe“ vielleicht noch nicht ganz so weit ist. Deshalb haben wir MySkyStatus dort gelauncht - und wurden von dem Erfolg überrollt. Viele finden es einfach weltklasse, dass sie – auch während sie noch im Flugzeug über dem Atlantik sitzen – automatisierte Nachrichten an ihr soziales Netzwerk über Facebook & Co. schicken können, à la „Torsten fliegt gerade in 10.000m über Reykjavik und landet in vier Stunden in JFK. Powered by MySkyStatus.com“.
Mittlerweile wird MySkyStatus von zehntausenden Reisenden in rund 200 Ländern weltweit genutzt. Auch wenn sie nicht Lufthansa fliegen – sie machen dennoch in ihrem Netzwerk mit jeder Status-Message durch MySkyStatus Werbung für uns. MySkyStatus ist einfach einzigartig, schafft Kundennutzen und Reisende lieben es – was es uns für den Award nicht allzu schwer machte.

QX: Und zu guter Letzt - Was ist Dein Vanity?

Torsten: Mir macht es unheimlich Spaß, Wissen zu vermitteln und weiter zu geben. Dabei besteht jedoch immer die Gefahr, dass es lehrerhaft klingt. Aktuell engagiere ich mich mit viel Freude an der Social Media Akademie als Dozent und nächstes Jahr voraussichtlich auch als Lehrgangsleiter für Corporate Social Media, wo wir videogestützte Webinare anbieten (z. B. http://www.socialmediaakademie.de/advanced-social-media-seminar). Hoffentlich können wir darüber dazu beizutragen, dass in Deutschland die Social Media Landschaft viele spannende Aktivitäten und ein vernünftiges Verständnis von Corporate Social Media hervorbringt, welches nicht als Marketing-ChiChi daherkommt.

Ach ja, und jeder, der mich etwas kennt, würde wohl als erstes sagen: Ich werde schwach bei neuen elektronischen Gerätschaften, weshalb ich manchmal den Namen „Dr. Gadget“ zu hören bekomme...