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Michael Löhner

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Interview mit Michael Löhner am 4. Juli 2009 „Vanity of the Month“ bei QX-Quarterly Crossing

QX: Seit 1978 sind sie selbstständiger Unternehmensberater. Sie waren Jesuitenschüler und lernten von ihrem Mentor Rupert Lay das Handwerk der Kulturberatung, das bis zum heutigen Tage der Kern Ihrer Arbeit ist. Können Sie uns kurz erklären was darunter genau zu verstehen ist?

Loehner: Als Jesuitenschüler wirst Du vom Denken her dahin gehend geprägt, dass Du weißt wovon Du sprichst, wenn Du etwas sagst. Das bedeutet in erster Linie, dass wir sehr stark gezüchtigt wurden, schon in auslaufender Pubertät nur Worte zu verwenden deren Sinn wir verstehen und auch vermitteln können. Deswegen ist das Wort für mich von großer Bedeutung. Sowohl etymologisch als auch gegenwartsbezogen. Zum Beispiel „Kultur“: Das Wort kommt aus dem lateinischen „colere“ und bedeutet pflegen / hegen – und Kultur bezogen auf Menschen bedeutet Gewohnheit. Und da wir Mensch sind mit Interesse an psychischer Ökonomie – also von Faulheit bestimmt werden – versagt und verwahrlost das beim Individuum oder Kollektiv nicht selten.

Wir haben nun in einer Kulturberatung das Dilemma, dass die Unternehmen ganz bestimmte Gewohnheiten entwickelt haben, wie sie mit ihren Menschen umgehen, und die Frage ist, ob diese Gewohnheiten geeignet sind, um die jetzigen Herausforderungen glückend zu gestalten. So verwende ich eine Einstiegsfrage für alle Unternehmen, die für mich sehr entscheidet ist: Sind Deine, sind Eure Gewohnheiten eigentlich noch menschen- und marktgerecht, oder habt ihr euch, durch eure Komfortzonen, derart aufeinander selbst bezogen, dass ihr die Umwelt gar nicht mehr als Herausforderung zur Veränderung wahrnehmt, sondern nur noch in Verteidigung eurer Bisherigkeit aktiv seid. Diese Kultur, diese Gewohnheit mit Menschen umzugehen, das ist mein Feld und dort mache ich Analysen, Beratungen und Veränderungen.

QX: Thomas Fuchs hat Sie mir letzten Jahr als Mietfreund für Vorstände vorgestellt. Werden sie in Zeiten der Wirtschaftskrise besonders oft „gemietet“? Und was hat es mit diesem Begriff genau auf sich?

Loehner: Im Prinzip etwas eigentlich Trauriges. Wer genügend gute Freunde hat, kommt weniger in kritische Situationen. Ich arbeite momentan an einer weiteren Veröffentlichung, mit der ich Spuren hinterlassen möchte. Diese wird den Arbeitstitel tragen: „Mietfreundschaft als Geschäftsmodel – Coaching im Management“. Dahinter steht folgendes: Dass die Position der obersten Wirtschaftsführer eine „sozial kritische“ ist, hat mehrere Dimensionen.
Z.B. Unbeantwortete Fragen zur Identität: „Passt du eigentlich noch zu Deinem Leben, das du führst, wenn Du Abends nackt vor dem Spiegel stehst?“ Dort gibt es zunehmend Menschen die sagen, nein - eigentlich nicht. Da ist jemand mit 50 Jahren ein wenig spät dran, um eine so grundsätzliche Kurskorrektur vornehmen zu müssen. Dann sind diese Menschen nicht selten in sich selbst verzweifelt oder irritiert. Das sind Identitätskrisen.

Letztendlich werden Vorstände dafür bezahlt, dass Sie souverän sind. Aber Schwäche und Höchst-gehälter vertragen sich selten. Also darf er das eine nicht zeigen, weil er sonst das Andere nicht bekommen kann. Das führt nicht selten zu Ängsten. Auf diese Weise sind diese Menschen einsam, oder noch präziser gesagt, sie haben niemanden mit dem sie angstfrei über ihre Ängste sprechen können. Natürlich gehen sie nicht gern zum Therapeuten. Denn dieses Etikett: „Therapeut = krank“ gehört in Deutschland zusammen. Ohne Therapeut bist du in Amerika zB. nicht gesund, da geht es gerade andersrum. Aber wir haben so etwas nicht in unseren Vorurteilen und dadurch ist dann das Wort Coach entstanden. Das heißt dann: man sucht sich irgendeine Figur, der ich dann auf eine bezahlte formale Stundenanzahl sagen kann, was ich will, ohne dass es mir irgendwie schaden kann - was ich im Unternehmen oder privat sonst nicht habe. Und diese Beziehung kann sich dann durchaus in allen Ehren „Mietfreundschaft“ nennen.

Wenn ich einen solchen Menschen habe, und mit ihm darüber reden kann, was mir gestern Abend Peinliches passiert ist, und der hört zu, und kann damit umgehen, dann habe ich eine psychische Entlastung, weil ich mich auch einmal freisprechen konnte. Das ist letztendlich ein Freund, wie man ihn in seiner natürlichen Umwelt aufbauen können sollte, aber weil das einem Menschen mit viel Macht meistens sehr viel schwerer fällt, als Menschen ohne Macht, die sich ohnehin leichter sozialisieren, weil sie dieses gemeinsames haben, kann man sich (gottseidank) einen Coach mieten. Wer sich verstanden fühlt und eine Rückmeldung zur realistischen Selbsteinschätzung erhält, fühlt sich dem Leben gewappneter.

QX: In Friedrich Nietzsches Autobiografie „Ecce homo“ versucht er uns „letzte Menschen“ zu erklären wie man wird, was man ist. Wir interessieren uns natürlich - wie wird man wie Sie sind?

Loehner: Nietzsche ist einer meiner gedanklichen Fundamente. Ich liebe ihn, wegen seiner fantastischen Sprache, seiner präzisen Ausdruckswahl und wegen seiner vorbildlichen Syntax. Er ist der Philosoph mit dem Hammer. Er hat sehr stark in Provokation gedacht, der Verachtung aller Menschen, die sich fremdbestimmt gehen lassen, die immer andere schuldig machen, für das, was sie selbst zu verantworten haben. Dieser Kette hat auch schon Kant gedacht: Befreie Dich aus Deiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.
Wie wird man jemand, der sich dieser Arbeit verschreibt? Ich glaube, man wird so was, wenn man durch irgendein Persönlichkeitsbild sehr stark auf seine eigenen Fehler in der lebenslangen Erkenntnissuche hingewiesen wird. Das hat sicherlich auch individuelle Dispositionen und Wurzeln und so gilt für mich vielleicht als Einzelkind, also jemand, der einen starken Drang nach sozialen Beziehungen hat, mit dem immer verdeckten Wunsch, diese auch beherrschen zu müssen, sozial etwas nützliches anbieten zu müssen. .
So habe ich mich in meiner Lebensgeschichte als sehr starken Einzelkämpfer erlebt, der versucht hat, auf sich aufmerksam zu machen. Durch die jesuitische Schulbildung, hatte ich immer die Kraft, oder auch die Wut, niemals unter Gruppendruck zu entscheiden. Das hat dann auch viel Prügel und Ausgrenzung gegeben, und so habe ich die Menschen mögen gelernt, die in gleicher Situation stehen.
So war ich stets sehr mitfühlend mit allen Menschen, die irgendwie an der Seite standen, weil sie im besonderen Sinne etwas Vergleichbares waren, und nicht bereit waren, das Lied mitzusingen nur um keine Strafe zu bekommen. Und so hat mich das als sozialisierten Einzelgänger interessant für Menschen gemacht, die auch so waren, und auf diese Weise Hilfe wollten.
Durch meine eigenen Defizite stürzte ich mich dann tief in Wissens- und Erfahrungsgebiete, die zunächst mal nicht allgemein waren, und über diesen Drang kam ich dann irgendwann zur Psychologie und zur Philosophie. Nach Abi ging ich zur Hochschule der Polizei und war dann mit 28 der jüngste A12a (Rat) im Landeskriminalamt in Düsseldorf. Mein Themengebiet war u.a. Disziplinarrecht für Polizeibeamte, sowie Systembetreuung für computergestütze Fahndung.

Mein Schicksalserlebnis war, als ich mir mit 28 Jahren viermal das Bein brach, drei Jahre dienstuntauglich war und in der Zeit in Hagen Psychologie studierte und danach von Rupert Lay, der schon im Aloisiuskolleg zeitweise mein Lateinlehrer war, wieder aufgefischt, Wir bauten fast firmenähnlich ein Geschäftsmodell auf und machten viele Managementseminare. Ich war anfangs als Assistent tätig, der die Kreide sauber hielt. Wurde dann zunehmend in weitere Aufgabengebiete eingebunden, da ich immer den starken Drang hatte durch lehren zu lernen, weile das mich und andere größer machte.
Das hat natürlich nur Sinn wenn die Gelehrten, oder die Belehrten das auch wollen. Also musste ich mich mit Methoden beschäftigen, wie ich dafür sorge, dass das attraktiv klingt, was ich sage und begeisterte mich auch dafür. Ich kam dann in so einen zwanzigjährigen Strudel von Lesen und Arbeiten, und Probieren und experimentiere mich durch die Konstrukte, habe sehr viel gearbeitet. Meine ehrliche Statistik sagt, dass ich bestimmt 10 bis 12 Jahre über 300 Tage Seminar pro Jahr gehalten habe. Es war wie ein Rausch und mich interessierte kaum anderes. Und jetzt mache ich das im 36sten Jahr. In letzter Zeit hat es sich (manchmal leider) auf die machtgebenden Instanzen konzentriert. Seit 10, 15 Jahren hat sich dies verstärkt und damit bin ich ausgelastet bei weniger Tagen.

QX: Sie sind nun seit mehr als 36 Jahren selbständiger Unternehmensberater und haben letztes Jahr angedeutet, dass Sie auf der Suche nach einem Nachfolger Ihres Werkes sind. Haben sie bereits jemanden gefunden oder wenn nicht, welche Anforderungen müsste dieser mitbringen?

Loehner: Ich bemerke, dass ich mit meiner „Teillehre“ nicht sehr austauschbar bin, das heißt, ich habe mir schon was Besonderes ausgedacht, wie man Menschenbild und Menschenmaß erklärt. Das ist nun noch nicht so spektakulär, aber das ist eine ganz bestimmte eigene Architektur, eine eigene Philosophie, und das ist jetzt weniger nazistisch gemeint, als rein erfolgsorientiert. Ich sehe, dass diese Lehre und diese Architektur in sich selbst trägt und anderen Halt gibt. Da ich diese Architektur sexy finde, einfach weil sie funktioniert, da hätte ich natürlich gern mehr Leute die mit diesem Herzblut das zunächst mal begreifen und auf diesem Podest vielleicht noch weitere Dinge entwickeln, die auch noch gehen, zu denen ich vielleicht gar nicht fähig bin, aber die aus dieser Säule herauskommen. Jemanden zu haben, der sagt, ich habe das insgesamt begriffen und ich mache da weiter; ich finde das gut – kann man Nachfolger nennen. Ganz nach Goethe: Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen.“

QX: Meine zwei letzten Fragen: Wie schmeckt Champagner in 25 Meter Tiefe, und was ist Ihr Vanity?

Loehner: Also erstens: geil. Rupert Lay und ich sind leidenschaftliche Taucher und haben zu unserem Geburtstag (beide Junikinder) eine Flasche Champagner mit auf den Grund genommen. Wir haben dann da unten diese Stunde Geburtstag gefeiert. Das Verblüffende daran war eben, dass man in der Tat Champagner unter Wasser trinken kann, wenn man die Flasche beim Trinken auf den Kopf stellt. Das war aufregend und das Allerschönste war, dass um uns herum bestimmt 10, 14 Japaner saßen, die so was noch nicht gesehen haben und fleißig Bilder geschossen haben. Das war ein wirklich sehr schönes Erlebnis mit Rupert.

Vanity? Wenn ich die englische Übersetzung nehme, muss es etwas mit Eitelkeit zu tun haben. Das kann ja nicht im negativen entsozialisiertem Sinn gemeint sein, sondern hier kann ja eigentlich nur gemeint sein: worüber definierst Du Dich als Letztes. Was ist eine Leidenschaft die Leiden schafft, wenn Du sie nicht realisieren kannst? Was sind so deine festen Punkte worüber du dir deine Energie ziehst? Wenn die Frage in diese Richtung gemeint ist, dann ist das sicherlich vom Herzen das Wort als solches. Ich liebe die Möglichkeiten, die das Wort und die Sprache im Umgang mit Menschen geben. Ich möchte, dass die Menschen im Umgang miteinander größer werden. Ich bin der grundsätzlichen Meinung, dass das höchste Moven, das höchste Glück, aller Menschen ist, dass sie sich an der Zuwendung eines anderen freuen können. Ich bemühe mich ernsthaft und probiere auch die Dinge aus, die ich anderen versuche beizubringen, nach dem Motto „Ich mache es selbst, es funktioniert“. Darüber definiere ich mich. Da unterwerfe ich mich auch.

Wittgenstein formuliert sehr sauber für mich ein Credo: Denken ist sprachgebunden. Du kannst nur das bedenken wofür du auch Worte hast. Und dieses Faszinosum möchte ich auch gern auf andere übertragen. Je mehr Worte du hast, umso mehr kannst du auch denken. Und denken ist ein durchaus lustvoller Vorgang. Meinetwegen auch ein eitler.