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Christoph Dolleschal

QX: Christoph, als Kind von Diplomaten bist Du bereits in jungen Jahren viel in der Weltgeschichte herumgekommen und warst unter anderem im Iran, Afghanistan und Kenia. Was waren Deine eindrücklichsten Erlebnisse? Was nimmst Du aus dieser Zeit für Dich mit?

Christoph: Meine Eltern hatten ein einmaliges Talent darin, stets zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Wir waren in Afghanistan, als die Russen einmarschierten und im Iran als der Schah gestürzt wurde. Das war eine sehr bewegte Zeit in der Region Ende der 70er Jahre. Trotz der mitunter schwierigen Zeiten will ich diese Erfahrungen um nichts missen. Ich hatte das große Privileg, eine Vielzahl von Kulturen und Ländern als Zeitzeuge kennenzulernen und diplomatisches Verhalten wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt – davon profitiere ich heute täglich. Außerdem überwiegen die tollen Erinnerungen: Afghanistan z.B. habe ich noch immer als wunderschönes Land in Erinnerung und meine Jugend in Kenia war traumhaft.

QX: 2007 bist Du als Head of Equity Research und Deputy Head of Global Research Corporates & Markets zur Commerzbank zurückgekehrt. Wie kommt’s?

Christoph: Nach dem Abi 1991 entschied ich mich für eine Banklehre bei der Commerzbank – seit dem kenne ich übrigens auch Thomas, er hat damals mein Einstellungs-Interview geführt. Nach der Banklehre studierte ich dann klassisch BWL in Frankfurt. Mit Zwischenstops bei der Bankgesellschaft Berlin und Dresdner Kleinwort bot sich mir 2007 die interessante Aufgabe, den Bereich Aktienanalyse der Commerzbank neu mitzugestalten und so führte mich mein Weg zurück. Das witzige daran war, dass ein Jahr später die Dresdner Bank von der Commerzbank übernommen wurde und ich so wieder mit meinen alten Kollegen vereint war. Aktienanalyse/Equity Research ist Teil des Investmentbankings. Wir raten institutionellen Anlegern, welche Aktienpositionen sie kaufen/verkaufen sollen und wir helfen Unternehmen bei der Kapitalbeschaffung bspw. über Börsengänge oder Kapitalerhöhungen.

QX: Wie sieht ein typischer Tag für Dich aus?

Christoph: Typische Tage gibt es für mich eigentlich nicht. Ein Fixpunkt ist lediglich unser täglicher Morning Call um 8.00h, der leider bedingt, dass Arbeitsbeginn um 7.15h ist - für einen Langschläfer wie mich jeden Morgen eine Qual. Alles Weitere ist kaum planbar. Wir müssen oft kurzfristig auf Meldungen aus der ganzen Welt reagieren und ihre Auswirkungen auf Unternehmen, Volkswirtschaften, Wechselkurse, Rohstoffe, Zinsen etc. einschätzen und dann sehr schnell Investitionsentscheidungen treffen. So können die Tage schon ziemlich lang werden, daher ist eine gesunde Work-Life-Balance umso wichtiger.

QX: Was reizt Dich an Deinem Job?

Christoph: Entrepreneurial Thinking - Obwohl ich in einer Großbank arbeite, ist unsere Kultur sehr unternehmerisch geprägt. Ich bin mitverantwortlich für das Aktiengeschäft der Bank und muss entsprechend wirtschaftlich handeln. Des Weiteren liebe ich den positiven Stress und die intellektuelle Herausforderung in meinem Job. Es wird nie langweilig, denn ich bin in der ganzen Welt unterwegs und habe das Glück mich mit vielen interessanten Menschen austauschen zu dürfen. Da sind auf der einen Seite Investoren, Unternehmer und Vorstände und auf der anderen Seite unser Team aus smarten, erfolgshungrigen und kreativen Leuten.

QX: Sicherlich waren die letzten Jahre sehr interessant und aufregend.

Christoph: Zwei schwere Finanzkrisen, ein großer Merger – das hätte ich bis vor ein paar Jahren nicht in einem ganzen Arbeitsleben erwartet und jetzt kommt alles geballt in sehr kurzer Zeit. Die Lernkurve ist entsprechend steil, sowohl was fachliche als auch soziale Fähigkeiten angeht. Auf eine solche Krise können einen keine Seminare vorbereiten – das Leben ist noch immer die beste Schule.

QX: Mit welchem Klischee über Investment Banker würdest Du am liebsten aufräumen?

Christoph: In Beliebtheits-Umfragen erzielen Investmentbanker mittlerweile Negativrekorde. Die Öffentlichkeit denkt, das im Investmentbanking nur 25-jährige Superzocker vom Schlage Gordon Gekkos arbeiten, die Millionengehälter kassieren und sich von Champagner ernähren und ansonsten aber wenig Ahnung haben. Die Realität ist anders – die meisten von uns sind in der Tat völlig normale Menschen, die weder Ferraris noch Luxusuhren sammeln und auch sonst nicht von anderen Arbeitnehmern zu unterscheiden wären. Der Unterschied zu anderen Branchen besteht wohl hauptsächlich darin, dass die Anzahl der Akademiker sehr hoch ist, die sich im Wettbewerb mit anderen messen wollen. Das macht einen Reiz aus, der nicht notwendigerweise monetär geprägt ist. Generell gilt: Die Branche ist sich ihrer Verantwortung sehr wohl bewusst und leider reichen einige wenige Negativbeispiele aus, sie in Verruf zu bringen.

QX: Was ist Dir wichtiger, Freiheit oder Sicherheit?

Christoph: Eine schwierige, fast philosophische Frage - beides schließt sich nicht unbedingt aus. Ich schätze einerseits die gestalterische Freiheit, die mir mein Job lässt – wir sind sozusagen ein Unternehmen im Unternehmen, d.h. wir haben natürlich definierte Ziele, aber wie wir sie erreichen, ist unser Problem. Freiheit bedeutet auch, machen zu können, was man möchte, wie z.B. Reisen. Dazu wiederum brauche ich für mich aber die Sicherheit eines Jobs und die eines Netzwerks von Familie und Freunden.

QX: Und natürlich die obligatorische Frage: Was ist Dein Vanity?

Christoph: Ich gehe nie ohne gestylte Haare aus dem Haus. Der Rest meiner Erscheinung ist mir mitunter völlig egal, aber mit meinen gegelten Haaren ist es seit ich 14 bin ein Ritual (in Kenia gab es kein Gel und ich musste mit Seife improvisieren). Wer mir meine Haare verstrubbelt, riskiert seine Gesundheit.